Interview Boom von Temu & Co.: Chancen auch für europäische Händler?

Das Gespräch führte Konstantin Pfliegl 11 min Lesedauer

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Asiatische Marktplätze bieten sich auch für E-Commerce-Händler aus Europa als zusätzliche Verkaufskanäle an. Thorben Bollmann, CEO von premiumXL, berichtet im Interview von seinen Erfahrungen mit Temu.

(Bild:  © Markus Mainka/stock.adobe.com)
(Bild: © Markus Mainka/stock.adobe.com)

DARUM GEHT'S

Einstieg auf Temu: Der asiatische Marktplatz setzt stärker auf lokale Ware und bringt hohen Traffic. PremiumXL stieg als früher Anbieter im Home-&-Living-Segment ein, um neue Kunden zu erreichen.

Preise & Deals: Die Preis- und Promotionsmechanik ist auf Temu anders als bei klassischen Marktplätzen. Händler definieren einen Nettoverkaufspreis, zu dem man liefern kann. Die Plattform übernimmt dann die Endkundenpreisgestaltung auf der Plattform. 

Fazit von premiumXL: Nach einem Jahr rund 30.000 Bestellungen und siebenstelliger Umsatz über die chinesische Plattform.

Marktplätze aus Fernost wurden in nur kurzer Zeit zum Taktgeber im europäischen E‑Commerce. Plattformen chinesischer Herkunft wie Shein, Temu und AliExpress haben wegen extremer Niedrigpreise zwar bislang nur einen geringen Umsatzanteil im E-Commerce in Deutschland. Sie wuchsen jedoch vergangenes Jahr deutlich schneller als das gesamte Anbietersegment der Marktplätze. Konkret: Bereits jede 15. Onlinebestellung wird bei einer der großen Plattformen aus Asien gemacht. Von den 2,6 Milliarden Euro Wachstum des gesamten E-Commerce mit Waren machte das Wachstum der Plattformen chinesischer Herkunft ganze 30 Prozent aus.

Temu hat in sehr kurzer Zeit enorm viel Dynamik in den europäischen E-Commerce gebracht. (...) Und für uns wurde es dann irgendwann interessant, nicht nur weil Temu natürlich auch viel, viel Traffic hat, sondern weil Temu auch seine Markenbotschaft geändert hat.

Thorben Bollmann, CEO von premiumXL

Im Zuge des Wachstums öffnen sich die asiatischen Marktplätze auch vermehrt für den europäischen E-Commerce. So treibt zum Beispiel Temu seinen Europa-Schwenk voran – weg vom reinen Discounter mit direkten Versand aus Asien hin zu einem hybriden Marktplatz mit lokalem Gesicht. Die Plattform rückt Händler aus Deutschland und der EU sichtbarer nach vorn. Für europäische E‑Commerce‑Akteure, die asiatischen Plattform naturgemäß eher skeptisch sehen, entsteht damit ein neues Reichweitepotenzial.

Ein E-Commerce-Händler aus Deutschland, der seit März 2025 den Marktplatz Temu als zusätzlichen Verkaufskanal nutzt, ist premiumXL. Der Online-Möbelhändler hat seitdem rund 30.000 Bestellungen über den asiatischen Marktplatz abgewickelt und einen siebenstelligen Umsatz generiert. Das e-commerce magazin spricht mit Thorben Bollmann, CEO von premiumXL, über seine Erfahrungen und Learnings mit Temu.

Thorben, den Marktplatz Temu sehen viele Akteure im deutschen E-Commerce eher als ungeliebte Fernost-Konkurrenz. Was gab bei Euch im März 2025 den Ausschlag, als Möbelhändler auch auf Temu als zusätzlichen Verkaufskanal zu setzen?

Thorben Bollmann: Temu hat in sehr kurzer Zeit enorm viel Dynamik in den europäischen E-Commerce gebracht. Man hat das auch im privaten Umfeld gesehen – die Temu-App war über Monate in den App-Stores auf Platz eins der Downloads. Und für uns wurde es dann irgendwann interessant, nicht nur weil Temu natürlich auch viel, viel Traffic hat, sondern weil Temu auch seine Markenbotschaft geändert hat. Das war ja vorher sehr viel auf Fast Moving Consumer Goods begrenzt, die im Regelfall auch sehr günstig waren. Aber Temu hat dann irgendwann halt auch seine Strategie geändert mit „Local Hero“. Der Marktplatz hat gesehen, da passiert was im europäischen Markt und wir wollen auch da aktiv werden. Man will auch lokale Ware verkaufen und nicht nur das direkt aus China.

Wir dachten uns dann, dass das auch im Bereich Home & Living funktionieren könnte, also im Möbelbereich, und dass auf diesen Keywords ordentlich Traffic war.

DER GESPRÄCHSPARTNER

Thorben Bollmann ist CEO der PXL Group mit den Marken premiumXL und Lomado. Er ist verantwortlich für Strategie, Internationalisierung/Sales Channel Expansion & AI/IT. Thorben ist seit mehreren Jahren im E-Commerce aktiv mit Fokus auf skalierbare Multichannel-Modelle und profitables Wachstum. PremiumXL gehört zu den führenden europäischen Marketplace-Sellern im Bereich Home & Living. Das Unternehmen beschäftigt über 180 Mitarbeiter in Deutschland und Ungarn und erzielt rund 100 Millionen Euro Jahresumsatz.

Temu – Marktplatz – E-Commerce
(Bild: premiumXL)

Ihr habt ja mit premiumXL ohnehin ein stark Marketplace-getriebenes Modell…

Thorben Bollmann: Wir haben natürlich auch unsere eigenen Shops, sind aber mit Marktplätzen groß geworden. Das ist auch immer Teil unserer Kernstrategie, dass wir eben auf diesen wachsenden Plattformen präsent sind.

Und dann genau dann gab es auch einen Kontakt zum Themen-Account-Manager von Temu, der hat uns aktiv angeschrieben und uns die Strategie gezeigt hat. Die hat uns dann überzeugt und das Timing war gut.

Temu ist also zuerst auf Euch zugekommen?

Thorben Bollmann: Ja, genau. Vorher war uns das natürlich auch schon bewusst, dass Temu da am Wachsen ist. Deswegen waren wir da jetzt auch so einem Gespräch definitiv nicht abgeneigt. Das ist eine unserer Stärken bei premiumXL: Wir können neue Marktplätze sehr schnell anbinden. Und dass haben wir dann mit Temu auch ziemlich erfolgreich gemacht.

Die Konkurrenz auf Temu ist ja jetzt nicht gerade klein. Was ist denn da eure direkte Konkurrenz? Sind das andere lokale Händler aus Deutschland oder Europa oder ist das der klassische China-Importeur, den man auf diesem Marktplatz erwartet?

Thorben Bollmann: Tatsächlich sind es eher die, die wir auch auf anderen Marktplätzen haben, sei es auf Amazon, Leroy Merlin oder wie sie alle heißen. Das sind auch Spezialisten im Bereich Home und Living. Wobei ich glaube, dass wir eine der ersten waren, die auf Temu in dem Maße jetzt präsent sind.

Du hast bereits Amazon und Leroy Merlin angesprochen. Was waren denn bislang Eure Haupt-Verkaufskanäle?

Thorben Bollmann: Die eigenen Shops sind tatsächlich unser stärkster Kanal. Die machen rund 30 bis 40 Prozent des Umsatzes aus. Dann kommt der Klassiker – Amazon, aber auch Bol, das ist ein größerer niederländischer Marktplatz.

Auch bei Otto sind wir noch ziemlich stark. Insgesamt sind es mittlerweile sogar 40 Marktplätze, auf denen wir verkaufen – aber natürlich dann nicht auf allem auf einem solchen Level wie Amazon oder Otto.

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