Interview

Boom von Temu & Co.: Chancen auch für europäische Händler?

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Skalierungshebel, PDPs & Learnings aus einem Jahr Temu

Ihr habt in einem Jahr über Temu rund 30.000 Bestellungen abgewickelt und einen siebenstelligen Umsatz generiert. Wenn Temu fast alles für Euch übernimmt, gibt es da dann von Eurer Seite auch überhaupt noch irgendwelche großartigen Skalierungshebel?

Thorben Bollmann: Ja, es ist dann wieder vergleichbar wie mit wie anderen Sales Channels. Wir wachsen natürlich über Optimierung unserer Produkte, indem wir mehr Produkte listen.

Die PDP, also die die Produktdetailseite, ist zum Beispiel ein Hebel. Da hatte ich erst ein bisschen Bedenken, dass man das vielleicht komplett umwerfen muss auf Temu, aber das funktioniert auch auf dem Marktplatz ähnlich.

Welche Details funktionieren denn auf den PDPs besonders gut?

Thorben Bollmann: Was sehr beliebt ist, ist natürlich Videomaterial. Das sehen bei einigen Topsellern – wenn man da Videos hinterlegt und die dann nach Möglichkeit noch irgendwie viral gehen, ist das natürlich ein Riesen-Hebel.

Temu ist ja vor allem für seine vielen äußerst preiswerten Produkt bekannt. Wie sehen da die Warenkorb-Werte aus?

Thorben Bollmann: Der ist ein bisschen niedriger, aber der Unterschied ist nicht so groß, wie man vielleicht denkt. Ich sag mal so: Wenn man zum Beispiel auf Amazon einen AOV hat von 100 Euro hat, dann ist er auf Temu zwischen 80 und 90 Euro. Man investiert aber deutlich weniger in eigenes Marketing, weil Temu einen Teil der Kampagnenmechanik auf der Plattform abbildet. Da muss man halt aber auch, wie gesagt, seine Produktpreiskalkulation richtig gut im Griff haben.

Und wie sieht es mit den Retouren aus? Gibt's da Unterschiede im Vergleich zu anderen Marktplätzen?

Thorben Bollmann: Das ist ziemlich genau im Schnitt. Aber ich hatte da tatsächlich anfangs die Sorge, dass uns da die Retourenquote vielleicht durch die Decke geht, weil Temu relativ kundenfreundlich ist. Eine Besonderheit bei uns war zum Beispiel, dass ein oder zwei Wochen lang einige Pakete aufgrund eines Wechsels des WMS ein paar Tage zu spät rausgingen. Und auf Temu bekommt der Kunde hier direkt fünf Euro erstattet. Das war auch neu für uns, aber wenn man das weiß, dann ist es auch in Ordnung.

Du hast erwähnt, dass Ihr Produkte mit Hilfe von künstlicher Intelligenz listet. Vielleicht kannst Du dazu noch ein paar Sätze sagen?

Thorben Bollmann: Ja, das ist eines unserer aktuell spannendsten Themen. Wir haben halt unsere eigene Middleware, das heißt, wir haben die Hoheit über unsere Daten. Wir sind nicht an Third-Party-Systeme gebunden. Wir können die Daten hinschieben, wohin wir wollen.

Über die letzten Jahre haben wir uns ein paar KI-Experten ins Haus geholt. Also was sind KI-Experten? Das sind Leute, die sich mit Large Language Models beschäftigt haben, die Machine Learning natürlich gelernt haben. Und da haben wir uns jetzt ein Setup gebaut, dass mit KI aus den bestehenden Informationen Produkte auf den einzelnen Marktplätzen listet. Das sind ellenlange Prompts und die KI mittlerweile ist bei uns in der Lage, quasi zu erkennen, okay, das ist dieses Produkt, diese Information habe ich da und da schon mal gelistet, das sind Grundfarbe, Maße, Breite, USPs und so weiter. Und je nachdem, welchen Kanal wir ansprechen, haben wir eine andere Prompt-Vorgabe. Man listet auf Amazon anders als auf Otto und so weiter. Die Unterschiede sind zwar oft granular, aber das macht dann eben den Unterschied beim Ranking.

Wenn sich jetzt ein anderer Händler auch für Temu interessiert, welchen Rat würdest du ihm geben? Gibt es irgendein Learning, von dem Du sagst, wenn ich das vorher gewusst hätte, das hätte uns viel Stress und Schweißperlen gespart?

Thorben Bollmann: Auf jeden Fall sollte man sich die Produktpreiskalkulation anschauen. Was ist der Einkaufspreis, den ich Temu geben kann. Die Preiskalkulation ist enorm wichtig. Da muss man ein bisschen Gehirnschmalz reinsetzen und seine Kosten auf dem Schirm haben. Wenn man das richtig macht, dann kann man auf Temu wirklich an Fahrt gewinnen. Dann hat bietet der Marktplatz einen guten Preis, mit dem sie arbeiten können und man selber verdient halt auch ganz gut damit. Wir haben auf Temu viele Produkte im Sortiment, mit denen wir auf Temu ähnlich profitabel oder teilweise sogar profitabler sind als auf anderen Marktplätzen.

Gibt es noch einen Aspekt, den wir noch nicht angesprochen haben, den Du aber für wichtig hältst?

Thorben Bollmann: Also Temu ist halt noch stärker promotionsgetrieben, hat aber auch sehr viel Traffic. Die Conversion Rate ist aber auch niedriger, zumindest was unsere Zahlen zeigen. Wenn man aber halt eben mit den Account Managern eng zusammenarbeitet, eben über diese WhatsApp-Gruppen zum Beispiel, dann ist da auf jeden Fall schnelles Wachstum möglich.

Zu guter Letzt: Wo steht denn premiumXL gerade – und was sind Eure Ziele für die Zukunft?

Thorben Bollmann: Wir sind in den letzten Jahren ziemlich stark gewachsen, obwohl was ich zu mitbekommen haben, es für den Markt keine einfachen Zeiten waren. Das heißt konkret; Vor fünf Jahren lagen wir noch ungefähr bei 20 Millionen Euro Umsatz, jetzt sind wir bei knapp 100 Millionen Euro. Und wir sind weiterhin auf Wachstumskurs. Das war möglich durch eine konsequente Multichannel-Strategie und eine relativ aggressive Internationalisierung. Temu ist dabei ein zusätzlicher Wachstumskanal, der uns hilft, neue Kundengruppen zu erreichen.

Temu – Marktplatz – E-CommerceKonstantin Pfliegl
ist leitender Redakteur für das e-commerce magazin und DIGITAL BUSINESS. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.

Bildquelle: Foto Marquart, Tutzing

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