Nach Angaben des Händlerbunds lief der Roll-out der der Auszahlungsrichtlinie DD+7 „chaotisch und unvollständig“: Viele Seller wurden nach Angaben des größten Onlinehandelsverband Europas ohne Vorankündigung umgestellt und fanden sich plötzlich mit einem Kontostand von Null konfrontiert. Verfügbare Mittel sollen auf „zurückgestellte Transaktionen" gesetzt, Auszahlungsanfragen abgelehnt oder nachträglich storniert worden sein – ohne nachvollziehbare Begründung. Zahlreiche Seller sollen seit Wochen auf dringend benötigte Gelder warten.
Die Auswirkungen der Auszahlungsrichtlinie DD+7 treffen nicht alle gleich. Große Marken mit Zugang zu Kreditlinien und Factoring können DD+7 abfedern. Für kleine und mittlere Händler mit dünnen Margen, langen Lieferketten und wenig Rücklagen wird die Richtlinie dagegen schnell existenzbedrohend. In den Amazon-Seller-Foren berichten Händler von hohen fünfstelligen Beträgen, die über Nacht eingefroren wurden.
Besonders hart trifft es Händler, die auf FBM (Fulfillment by Merchant) setzen: Längere Transportwege und unklare Tracking-Daten verzögern den Start des 7-Tage-Countdowns häufig zusätzlich. FBA-Seller profitieren dagegen von Amazons eigener Logistik mit lückenloser Sendungsverfolgung. Das könnte man auch strukturelle Bevorzugung des Amazon-eigenen Fulfillments werten.
„Was Amazon-Händler gerade erleben, ist inakzeptabel“, so Tim Arlt, CEO des Händlerbundes. Gelder würden eingefroren, ohne dass Verkäufer wissen, wann sie ihr eigenes Geld zurückbekommen. Das sei kein technisches Problem mehr – das sei eine ernste Gefahr für die wirtschaftliche Existenz tausender Unternehmen. Für Tim Arlt ist klar: „Amazon trägt als Marktplatzbetreiber Verantwortung für seine Seller und muss jetzt handeln: mit transparenten Auszahlungsregeln, verlässlicher Kommunikation und sofortiger Unterstützung für alle betroffenen Händler."
Der Händlerbund fordert Amazon daher auf, die Auszahlungsproblematik mit höchster Priorität zu behandeln, betroffene Seller aktiv und individuell zu kontaktieren und eine klare Zeitlinie für die vollständige Lösung des Problems zu kommunizieren.
FÜNF Handlungsempfehlungen für Amazon-Händler
1. Cashflow-Planung sofort anpassen: Rechnen Sie nicht mehr mit „Umsatz = Geld in wenigen Tagen". Kalkulieren Sie realistisch: Bestelldatum > Versand > Zustellung > plus 7 Tage > Auszahlungsanfrage > Bankeingang. Für die meisten Händler bedeutet das wohl mindestens 10 Vorlauf.
2. „Auszahlung auf Anfrage“ täglich nutzen: Loggen Sie sich täglich in Seller Central ein und fordern Sie verfügbare Guthaben aktiv ab. So verhindern Sie, dass bereits freigegebene Beträge unnötig bei Amazon liegen.
3. Tracking-Qualität maximieren: Versenden Sie ausnahmslos mit verlässlicher Sendungsverfolgung. Ohne bestätigte Zustellung nutzt Amazon ein geschätztes Datum – und das ist meist konservativ. Jeder Tag ohne Tracking kostet bares Geld.
4. FBA versus FBM neu bewerten: Fulfillment by Amazon (FBA) bietet lückenlose Zustellbestätigung und damit einen schnelleren Start des 7-Tage-Countdowns. Rechnen Sie die FBA-Mehrkosten gegen den Liquiditätsvorteil und die potenziell bessere Conversion durch Prime.
5. Multi-Channel-Strategie stärken: Reduzieren Sie Ihre Amazon-Abhängigkeit. Bauen Sie Ihren eigenen Shop, andere Marktplätze und Direktvertriebskanäle gezielt aus – dort bestimmen Sie selbst, wann Ihr Geld fließt.
Amazon reagiert: „Auszahlung auf Anfrage“
Als Reaktion auf die massive Kritik hat Amazon die Funktion „Auszahlung auf Anfrage“ freigeschaltet: Händler können einmal pro 24 Stunden ihr verfügbares Guthaben aktiv auszahlen lassen. Doch die Praxis zeigt: Die tatsächlich verfügbaren Beträge sind häufig gering – der Großteil des Umsatzes steckt in der Rücklage.
Wie ein Händler dem e-commerce magazin berichtet, sei das Problem nicht nur die Verzögerung selbst. Es würden 100 Prozent der betroffenen Verkaufserlöse zurückgehalten – unabhängig vom tatsächlichen individuellen Risiko, der Retouren-Quote oder der bisherigen Händlerhistorie. Zusätzlich würden weitere Beträge als „Rücklage auf Kontoebene“ einbehalten. „Dadurch entstehe eine Situation, in der selbst Beträge, die systemseitig bereits freigegeben erscheinen oder eigentlich auszahlbar sein müssten, nicht zuverlässig verfügbar sind.“
Besonders kritisch: So konnte der Händler zwar einen kleinen Teil des Guthabens zur Auszahlung anstoßen. Diese Auszahlung wurde dann jedoch wieder storniert. Eine nachvollziehbare Begründung soll es seitens Amazons nicht geben.
„Durch das aktuelle Hin und Her zwischen zurückgestellten Transaktionen, freigegebenen Transaktionen, Rücklagen auf Kontoebene und stornierten Auszahlungen ist für uns nicht mehr zu 100 Prozent nachvollziehbar, welcher Betrag welcher Bestellung zugeordnet ist, wann ein Betrag tatsächlich freigegeben wird und wann er am Ende wirklich ausgezahlt werden kann“, so der Händler gegenüber dem e-commerce magazin.
Neutral betrachtet ist die Auszahlungsrichtlinie DD+7 Teil von Amazons Risikomanagement. Es ist legitim, dass sich der Marktplatz-Riese absichert. Doch es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Für große Marken mit ausreichend Kapitalreserven ist DD+7 ein verkraftbares Ärgernis. Für kleine und mittlere Händler – das Rückgrat des Marketplace – wird die Regelung jedoch zur echten Belastungsprobe. Wer mit dünnen Margen arbeitet und auf schnelle Warennachbestellung angewiesen ist, gerät durch eingefrorene Beträge schnell in eine finanzielle Schieflage. Die „Auszahlung auf Anfrage“ entpuppt sich eher als Beruhigungspille denn als echte Lösung, wenn die tatsächlich verfügbaren Beträge minimal bleiben – oder Auszahlungen ohne Begründung storniert werden.
Stand: 16.12.2025
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Konstantin Pfliegl ist leitender Redakteur für das e-commerce magazin und das DIGITAL BUSINESS Magazin. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.