Intralogistik

Experten-Talk: Die Grenzen der Automatisierung im Lager

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Exotec, Knapp & Manhattan Associates

Andreas Stöckl – EVP Sales bei Exotec

Im Lager sollten wir nicht die Ausnahme automatisieren, sondern die Regel. Alles, was sich wiederholt, körperlich belastet und klar standardisierbar ist – das gehört automatisiert, und zwar konsequent. Was ich dagegen nicht automatisieren würde: Entscheidungen in Sonder- und Grenzfällen. Da reichen Regeln einfach nicht aus. Da geht es um Kontext, um Erfahrung, um Priorisierung, um Verantwortung. Beschädigte Ware, unklare Auftragslagen, kurzfristige Prioritätswechsel, Rückfragen aus dem Vertrieb, sicherheitskritische Situationen – genau da zeigt sich, wie wertvoll menschliches Urteilsvermögen ist.

Andreas Stöckl, EVP Sales bei Exotec.(Bild:  Exotec)
Andreas Stöckl, EVP Sales bei Exotec.
(Bild: Exotec)

Die Stärke der Flexibilität: Automatisierung bringt Tempo, Präzision, Skalierbarkeit. Menschen bringen Flexibilität und Empathie mit – und die Fähigkeit, auch dann eine gute Entscheidung zu treffen, wenn Daten fehlen oder mehrere Ziele gegeneinanderstehen. Genau das brauchen wir im Alltag, denn ein Lager besteht nicht nur aus Standards, es lebt von Ausnahmen. Wer versucht, jede einzelne davon zu automatisieren, macht sich das Leben unnötig kompliziert – und verliert am Ende sogar an Robustheit.

Die Stärke moderner Lagerautomatisierung liegt für mich deshalb nicht darin, den Menschen zu ersetzen, sondern ihn gezielt zu entlasten. Routine raus, Verantwortung für die komplexen Fälle bleibt beim Menschen – so entsteht ein Lager, das effizient ist, sicher und anpassungsfähig.

Mario Berger – Product Communication Manager bei Knapp

Repetitive Tätigkeiten werden über kurz oder lang vollständig automatisierbar sein. Eine Aufgabe sollte jedoch auch künftig nicht vollständig automatisiert werden: die Bewertung und Lösung von Ausnahmesituationen.

Mario Berger, Product Communication Manager bei Knapp.(Bild:  Knapp)
Mario Berger, Product Communication Manager bei Knapp.
(Bild: Knapp)

Erfahrung und Urteilsvermögen: Treten Sonderfälle auf, etwa beschädigte Ware, unvollständige Lieferungen, fehlende Etiketten oder kurzfristig geänderte Kundenanforderungen, können Systeme zwar erste Analysen durchführen und Lösungsvorschläge liefern. Die endgültige Entscheidung erfordert jedoch häufig Erfahrung, Urteilsvermögen und das Verständnis für Zusammenhänge, die weit über den einzelnen Lagerprozess oder das Lager hinausgehen.

Genau in solchen Situationen sind Menschen besonders stark. Sie können Informationen aus unterschiedlichen Quellen kombinieren, Prioritäten neu bewerten und kreative Lösungen finden. Deshalb wird das Lager der Zukunft zwar viele Prozesse automatisieren, aber nicht die Verantwortung für Entscheidungen in Ausnahmefällen. Automatisieren sollte man Prozesse, nicht die Verantwortung für außergewöhnliche Entscheidungen.

Gerridt Woesmann – Senior Sales Executive bei Manhattan Associates

Der größte Hebel für Automatisierung im Lager liegt bei repetitiven, physischen und hochvolumigen Prozessen. Der kritische Punkt, den hingegen kein Unternehmen vollständig automatisieren sollte, ist die menschliche Entscheidung in Ausnahmesituationen: also dann, wenn Bestände nicht stimmen, Ware beschädigt ist, Ressourcen ausfallen oder ein Kundenauftrag kurzfristig eskaliert. Moderne Warehouse-Orchestrierung regelt das Zusammenspiel von menschlicher Arbeit, Robotik und anderen Automatisierungslösungen – und das funktioniert nicht ohne menschliche Urteilskraft.

Gerridt Woesmann, Senior Sales Executive bei Manhattan Associates.(Bild:  Manhattan Associates)
Gerridt Woesmann, Senior Sales Executive bei Manhattan Associates.
(Bild: Manhattan Associates)

Störfälle und Sicherheit: Der Grund ist einfach: Automatisierung ist stark, wenn es um Geschwindigkeit, Wiederholbarkeit und Regelkonformität geht. Aber bei echten Störfällen im Lager kommt es auf Kontextverständnis und klare Verantwortlichkeiten an. Das Ausnahme- und Priorisierungsmanagement sollte deshalb in menschlicher Hand bleiben, auch weil unvorhergesehene Entwicklungen schnell sicherheitsrelevant werden können.

Das heißt aber nicht, dass die Mitarbeiter mit der Entscheidungsfindung allein gelassen werden sollten. Datentransparenz in Echtzeit ist auch im Ausnahmefall das beste Hilfsmittel, um sinnvolle Entscheidungen zu ermöglichen. Wer alle Prozesse im und um das Lager in einer einzigen Plattform zusammenführt, erhält die beste Informationsgrundlage, um Störungen und Ausnahmen proaktiv anzugehen.

E-Commerce – Intralogistik – Fulfillment – LagerautomatisierungKonstantin Pfliegl
ist leitender Redakteur für das e-commerce magazin und das Digital Business Magazin. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.

Bildquelle: Foto Marquart, Tutzing

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