Von Billigimporteuren zu Amazon-Rivalen Temu und Shein: Fernost-Marktplätze lokalisieren sich – und locken deutsche Händler

Von Konstantin Pfliegl 7 min Lesedauer

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Am 1. Juli fällt die EU-Zollfreigrenze. Viele europäische Onlinehändler hoffen, dass damit das Preisdumping aus Fernost endet. Doch Temu und Shein verschwinden nicht – sie wandeln sich.

(Bild:  © Pcess609/stock.adobe.com)
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DARUM GEHT'S

Paketflut aus Fernost: Temu und Shein liefern täglich hundertausende ten Pakete nach Deutschland. Chinesische Plattformen wachsen derzeit deutlich schneller als der restliche E-Commerce.

EU-Pauschal-Zoll: Die EU schafft die EU-Zollfreigrenze für Kleinsendungen unter 150 Euro ab und erhebt ab 1. Juli 2026 einen Pauschal-Zoll von drei Euro pro Paket aus Drittstaaten.

Strategieschwenk: Statt sich zurückzuziehen, setzt zum Beispiel Temu auf europäische Fulfillment-Center auf und will bis zu 80 Prozent aller Bestellungen aus lokalen Lagern bedienen. Gleichzeitig öffnet sich die Plattform für europäische Händler.

Die Zahlen, die Europa zum Handeln zwingen, sind gewaltig: So lieferten die Online-Plattformen Temu und Shein vergangenes Jahr täglich 460.000 Pakete nach Deutschland, so der Handelsverband Deutschland. EU-weit sollen es sogar zwölf Millionen Pakete pro Tag gewesen sein. Online-Marktplätze aus Fernost boomen – und bereiten dem europäischen E-Commerce ordentlich Kopfschmerzen.

Die einstigen Billig-Importeure wandeln sich zu vollintegrierten Marktplätzen, die mit Amazon, Zalando und Otto um dieselben europäischen Kunden konkurrieren.

Konstantin Pfliegl, Leitender Redakteur e-commerce magazin und DIGITAL BUSINESS

Zwar ist der E-Commerce in Deutschland weiter auf Wachstumskurs und verzeichnete 2025 ein Wachstum von 3,2 Prozent. Und für dieses Jahr wird sogar  ein Wachstum von 3,8 Prozent erwartet. Der fade Beigeschmack: Plattformen chinesischer Herkunft wie Shein, Temu und AliExpress haben wegen extremer Niedrigpreise zwar nur einen geringen Umsatzanteil, wuchsen mit 27,2 Prozent auf 3,7 Milliarden Euro Umsatz aber deutlich schneller als das gesamte Anbietersegment der Marktplätze. Bereits jede 15. Onlinebestellung wird bei einer der großen Plattformen aus Asien gemacht. Von den 2,6 Milliarden Euro Wachstum in 2025 des gesamten E-Commerce mit Waren machte das Wachstum der Plattformen chinesischer Herkunft ganze 30 Prozent aus.  

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des HDE beziffert den jährlichen Schaden von Temu und Shein für die deutsche Volkswirtschaft auf 2,4 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust, 40.000 verlorene Arbeitsplätze und 429 Millionen Euro entgangene Steuereinnahmen.

Konkurrenz durch Temu und Shein: Die EU handelt...

Die Europäische Union reagiert auf die neue Konkurrenz und führt ab 1. Juli 2026 für alle Kleinsendungen aus Drittstaaten mit einem Wert von unter 150 Euro einen Pauschal-Zoll von drei Euro ein. Das bedeutet: Die bisherige EU-Zollfreigrenze für Pakete aus Drittstaaten mit einem Wert von unter 150 Euro gilt dann nicht mehr. Nach Angaben der EU-Kommission stammten 2024 über 90 Prozent aller E-Commerce-Sendungen mit einem Wert von weniger als 150 Euro aus China. Aufgrund der EU-Zollfreigrenze sollen Schätzungen zufolge bis zu 65 Prozent der eingeführten Kleinpakete unterbewertet werden, um Einfuhrzölle zu vermeiden. 

Der vorübergehende Zollsatz von drei Euro je Sendung gilt für Pakete, die direkt aus Drittländern an Verbraucher versandt werden. Er soll die Zeit überbrücken, bis der sogenannten EU-Daten-Hub in Betrieb genommen wird – die geplante zentrale Plattform der EU für die Zusammenarbeit mit den Zollbehörden. Das soll im Jahr 2028 der Fall sein.

...und die China-Marktplätze reagieren

Doch statt sich aus Europa zurückzuziehen, vollzieht zum Beispiel Temu einen radikalen Strategieschwenk. Medienberichten zufolge hat Temu im vergangenen halben Jahr zahlreiche Partnerschaften mit Logistik-Dienstleistern für die Zustellung von Produkten in ganz Europa geschlossen und betreibt Third-Party-Fulfillment-Center in zahlreichen europäischen Ländern – Deutschland (Partnerschaft mit DHL), Frankreich (La Poste), Spanien (Correos), Italien (Poste Italiane), den Niederlanden, Österreich und Großbritannien.

Das Ziel: Es sollen in absehbarer Zeit bis zu 80 Prozent aller europäischen Bestellungen aus lokalen Lagern bedient werden – mit Lieferzeiten von wenigen Tagen statt zwei bis drei Wochen. Und natürlich auch mit einer ordentlichen Kostenersparnis gegenüber Luftfracht aus China.

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