Von Billigimporteuren zu Amazon-Rivalen

Temu und Shein: Fernost-Marktplätze lokalisieren sich – und locken deutsche Händler

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Was bedeutet das für den europäischen E-Commerce?

Die Vorstellung, der EU-Pauschal-Zoll werde Temu und Shein aus Europa verdrängen, ist wohl etwas zu kurz gedacht. Was die Logistik angeht, zeigen sich die Plattformen aus Fernost ziemlich agil, sodass durch den neuen 3-Euro-Zoll wohl nur eine minimale Disruption zu erwarten ist. Stattdessen wandeln sich die einstigen Billig-Importeure zu vollintegrierten Marktplätzen, die mit Amazon, Zalando und Otto um dieselben europäischen Kunden konkurrieren.

Gleichzeitig eröffnet die Lokalisierung Möglichkeiten. Europäische Händler können Temu und Shein als zusätzliche Verkaufskanäle mit enormer Reichweite nutzen. Die Regulierung – vom Pauschalzoll bis zu DSA-Verfahren – dürfte erstmals ein faireres Spielfeld schaffen.

To-Dos – Was Onlinehändler jetzt tun sollten

Aktuell:

Chancen prüfen: Der Pauschalzoll trifft nicht Sie – er trifft Ihre bisherigen Konkurrenten aus Fernost. Nutzen Sie den Moment, um Ihre Preiskommunikation zu schärfen: „Kein Zollaufschlag, sofort lieferbar, lokaler Service."

Temu und Shein als Verkaufskanal testen: Beide Plattformen werben aktiv um europäische Händler. Starten Sie mit 20 bis 50 Produkten, um es auszuprobieren.

Rechtslage vorher checken: Sie haften als Verkäufer dafür, dass Sie alle Informationspflichten auch auf außereuropäischen Plattformen erfüllen. Lassen Sie AGB, Widerrufsbelehrung und Preisgestaltung von einem spezialisierten Anwalt prüfen, bevor Sie live gehen.

In den kommenden Monaten:

Stärken ausspielen, die chinesische Plattformen nicht haben: Persönliche Beratung, schneller Kundenservice auf Deutsch, echte Garantie, Nachhaltigkeit mit Substanz, Abholung vor Ort. Das sind keine Floskeln – es sind die Kaufgründe, die Temu und Shein strukturell nicht liefern können.

Auf viele Kanäle setzen: Amazon, Zalando, Kaufland, Otto – und vielleicht selektiv Temu oder Shein. Je breiter Sie aufgestellt sind, desto weniger abhängig sind Sie von den Spielregeln einer einzelnen Plattform. 

Auf dem Radar behalten:

Regulierung wird zum Vorteil: Widerrufsbutton (ab 19. Juni), Recht auf Reparatur (ab 31. Juli), KI-Kennzeichnung (ab 2. August), – wer compliant ist, hat einen Vorsprung gegenüber Plattformen, die noch hinterherlaufen. 

Produktdaten aufräumen: KI-Dienste kaufen zunehmend autonom für Kunden ein. Dafür brauchen sie saubere, strukturierte Produktdaten. Wer jetzt sein PIM-System in Ordnung bringt, wird von diesem Trend profitieren – Temu und Shein sind hier noch schwach.

Fazit: Die Bedrohung verschwindet nicht – sie ändert ihre Form

Wer glaubt, der EU-Pauschalzoll werde Temu und Shein aus Europa vertreiben, unterschätzt die Anpassungsfähigkeit dieser Plattformen. Was wir stattdessen erleben, ist die größte Transformation im europäischen E-Commerce seit dem Aufstieg von Amazon: Zwei der reichweitenstärksten Plattformen der Welt bauen sich von Billig-Importeuren zu hybriden europäischen Marktplätzen um – mit lokaler Infrastruktu und europäischen Händlern, die selbst Amazon zu Gebührensenkungen zwingen.

Für Onlinehändler bedeutet das: Die Plattformen, die den Markt unter Druck setzen, werden gleichzeitig zu potenziellen Vertriebskanälen. Wer das versteht, kann sie als Reichweiten-Werkzeug nutzen, ohne von ihnen verschlungen zu werden.

Marktplätze – Temu – Shein – China – Fernost – E-Commerce – EU – ZollfreigrenzeKonstantin Pfliegl
ist leitender Redakteur für das e-commerce magazin und das DIGITAL BUSINESS MAGAZIN. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.

Bildquelle: Foto Marquart, Tutzing

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