Agenturmodelle der Zukunft Kein Time-Tracking, kein Apparat: Die E-Commerce-Agentur der Zukunft ist schlank

Ein Gastbeitrag von Hans Ratzmann 5 min Lesedauer

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Ineffiziente Prozesse, aufgeblähte Teams, Abrechnung nach Stunden – die klassische E-Commerce-Agentur verliert an Berechtigung. Die Antwort darauf: gleiches Basisgehalt für alle, kein Time-Tracking, KI als „bester Junior der Welt“.

(Bild:  © sam richter/stock.adobe.com)
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DARUM GEHT'S

Kein Time-Tracking: Statt Stunden zu dokumentieren, sollten Agenturen Projekte über verkaufte und sinnvoll geplante Kapazitäten steuern. Entscheidend ist nicht der Aufwand, sondern die Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit für den Kunden.

Kleine Teams statt Projektmanager: Koordination soll intrinsisch aus dem Team heraus entstehen. Das bedeutet; Statt großer Teams mit klassischer Projektmanager-Rolle als Koordinationsknotenpunkt so wenige Menschen wie nötig, so viel Technologie wie sinnvoll. 

KI als „bester Junior der Welt": Küntsliche Intelligenz wird als schnelle, motivierte, aber nicht automatisch strategische Kraft verstanden, die wie ein Junior geführt werden muss. Der Mensch wird dadurch nicht überflüssig, sondern rückt in die Rolle von Stratege, Kurator und Berater.

Lange hat die Agenturbranche Größe mit Qualität verwechselt. Mehr Köpfe, mehr Gewerke, mehr Spezialisten-Teams, mehr Standorte, mehr Kunden. Und am Ende eine Rechnung, die dies abbildet. Doch dieses Modell hat seine Berechtigung verloren. Automatisierung und künstliche Intelligenz verändern nicht nur Prozesse, sondern auch die fundamentale Frage, wofür Kunden in Zukunft überhaupt noch bezahlen wollen. Gerade im E-Commerce fällt die Antwort brutal ehrlich aus: Nicht mehr für Apparate oder Aufwände, sondern für Wirksamkeit.

Hot Take: Zwei smarte Berater können heute ein klassisches, zehnköpfiges Projektteam ersetzen. Nicht in jedem Projekt oder in jedem Kontext, aber in erstaunlich vielen. Wer das ignoriert, optimiert gerade das falsche System.

Viele Agenturen optimieren gerade an der falschen Stelle. Sie versuchen, bestehende Modelle effizienter zu machen, statt zu hinterfragen, ob das Modell selbst noch zukunftsfähig ist.

Hans Ratzmann, Gründer und Geschäftsführer von quiteBold

Weg vom Stundenverkauf

Einer der größten Denkfehler in der Agenturbranche ist die Vorstellung, dass Leistung über Time-Tracking sauber messbar wird. In der Praxis erzeugt genau diese Mechanik die Ineffizienzen, unter denen viele Agenturen heute leiden: zu viele Schnittstellen, zu viele operative Routinen. Kurz ein System, das sich an Stundenzetteln orientiert statt am Kundennutzen. Wenn Mitarbeiter anfangen, ihre Arbeit primär in Stunden zu übersetzen, geht der Blick aufs Wesentliche verloren: Priorisierung, Wirksamkeit, Ergebnisverantwortung.

Bei quiteBOLD arbeiten wir deshalb bewusst ohne klassisches Time-Tracking als Steuerungsinstrument. Entscheidend ist nicht, wie viele Stunden jemand dokumentiert, sondern ob Kundenprojekte wirtschaftlich und mit dem richtigen Ressourceneinsatz geführt werden. Das lässt sich über verkaufte und sinnvoll geplante Kapazitäten wesentlich besser beurteilen als über minutengenau dokumentierte Aufwände. Zudem zwingt es das Team dazu, sich permanent zu fragen: Was bringt den Kunden wirklich voran?

Kleine Teams, hohe Verantwortung

Größe gilt in der Branche bis heute als Marker für Wichtigkeit. Je mehr Menschen an einem Projekt arbeiten, desto professioneller wirkt es nach außen. Tatsächlich entsteht dadurch vor allem eines: Abstimmungsaufwand. Mehr Schnittstellen, mehr Reibung, mehr Verwaltung.

Wer im E-Commerce-Umfeld heute wettbewerbsfähig sein will, braucht das Gegenteil: so wenige Menschen wie nötig und so viel Technologie wie sinnvoll. Der Job verlagert sich. Er besteht nicht mehr darin, operative Arbeit in viele Teilschritte zu zerlegen und über Hierarchiestufen zu verteilen, sondern darin, Probleme schnell zu durchdringen, strategisch einzuordnen und klare Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Damit das funktioniert, fällt eine klassische Rolle weg: der Projektmanager als Knotenpunkt, mit der alleinigen Rolle, Informationen einzusammeln und Fäden zusammenzuhalten. Das ist teuer, langsam und skaliert schlecht. Stattdessen muss Koordination intrinsisch aus dem Team heraus kommen und Abstimmungs-Bottlenecks vermeiden. Dafür braucht es klare Verantwortlichkeiten.

Seniorität ist keine Frage des Alters oder der Vergütungsstufe

Auch beim Thema Vergütung brechen wir bewusst mit der klassischen Agenturlogik. Seniorität hängt nicht automatisch mit Titeln, Studiendauer oder Berufsjahren zusammen. Zehn Jahre Arbeitserfahrung in starren Strukturen sind nicht automatisch wirksamer als drei intensive Jahre in einem anspruchsvollen Umfeld. Eher noch achten wir auf Qualität der Erfahrung, Lernkurve, Drive und auf die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen.

Daraus leitet sich ein radikal pragmatisches Vergütungsmodell ab: Bei quiteBOLD erhalten alle Mitarbeiter, unabhängig von Titel oder vermeintlicher Seniorität, das gleiche Basisgehalt, das sich an der Inflation orientiert. Schließlich müssen Grundbedürfnisse verlässlich abgedeckt sein. Wer ständig rechnen muss, ob Miete und Alltag funktionieren, hat keine Kapazität für Kreativität, Verantwortung oder unternehmerisches Denken.

Darauf aufgesetzt: 33 Prozent des monatlichen Gewinns werden ans Team ausgeschüttet. Ein Teil gleichmäßig, ein Teil über ein Token-System, das mit der Betriebszugehörigkeit wächst und bei fünf Token gedeckelt ist. Wer das Unternehmen mitentwickelt, partizipiert direkt am wirtschaftlichen Erfolg. Wer 100 Prozent Verantwortung erwartet, muss auch Bedingungen schaffen, in denen man sich verantwortlich fühlt.

Künstliche Intelligenz als „bester Junior der Welt"

Viele Debatten über KI in Agenturen laufen in die falsche Richtung. Entweder wird die Technologie überhöht oder unterschätzt. Beides hilft niemandem. Eine Metapher, die es am besten trifft: KI ist der beste Junior der Welt. Sie ist schnell, belastbar, motiviert und vielseitig. Aber sie ist nicht automatisch strategisch. Sie hat keine eigene konzeptionelle Stärke, wenn wir sie nicht mit der richtigen Denke, dem richtigen Wissen und dem nötigen Kontext versorgen.

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Wer KI sinnvoll nutzen will, muss sie so führen können, wie ein guter Senior einen Junior führt. Kontext geben, Wissen einspielen, Anforderungen schärfen, Rückfragen zulassen, Ergebnisse qualifizieren. Wenn das gelingt, entsteht starker Output.

Gerade im E-Commerce-Alltag ist das ein enormer Hebel: im Performance Marketing, in der Asset-Erstellung, in Reportings, im Ideensparring. KI übernimmt heute vieles, was früher Personal gebunden hat. Die Rolle des Menschen verschwindet nicht. Ganz im Gegenteil, sie wird wertvoller. Nur eben nicht mehr als operativer Abarbeiter, sondern als Stratege, Kurator und Berater.

Wofür Kunden morgen noch bezahlen

Viele Agenturen optimieren gerade an der falschen Stelle. Sie versuchen, bestehende Modelle effizienter zu machen, statt zu hinterfragen, ob das Modell selbst noch zukunftsfähig ist. Gerade im E-Commerce werden Kund:en nicht mehr bereit sein, große operative Apparate zu finanzieren, wenn dieselbe Arbeit schneller, günstiger und oft präziser über KI oder über Inhouse-Strukturen erledigt werden kann.

Der Wert externer Partner verschiebt sich deutlich: weg von der Umsetzung, hin zu Orientierung, Einordnung, strategischer Führung und wirksamer Entscheidungsvorbereitung. Genau dafür braucht es ein anderes Agenturmodell. Eines, das nicht auf Stunden, Stufen und Stellenpläne setzt, sondern auf Verantwortung, Beteiligung und Technologie.

Vieles, was in Agenturen heute noch als notwendig betrachtet wird, ist in Wahrheit nur Gewohnheit. 2026 ist ein guter Zeitpunkt, diese Gewohnheit zu beenden.

E-Commerce – AgenturHans Ratzmann
ist Gründer und Geschäftsführer der digitalen Marketingberatung quiteBold.

Bildquelle: QuiteBOLD